Führung in Projekten

Laterale Führung: Wie Sie ohne Weisungsbefugnis führen – vier Bausteine und sechs typische Situationen

Jonathan Günak · Aktualisiert 14. Oktober 2026 · 12 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

Laterale Führung heißt, Menschen zu führen, über die Sie keine Weisungsbefugnis haben: Kolleginnen und Kollegen, andere Bereiche, Ranghöhere und Kunden. Sie wirkt nicht über Anweisung, sondern über Verständigung, Macht und Vertrauen. In Projekten ist sie der Normalfall: Projektleitungen haben oft keine disziplinarische Verantwortung und gegenüber Fachbereichen und Kunden gar keine Weisungsbefugnis. Wir fassen sie in vier Bausteine: Klarheit über Auftrag und Rollen, Sichtbarkeit von Konflikten, ein Angebot statt einer offenen Frage und Verbindlichkeit. Das ist trainierbares Handwerk, kein Charisma.

Das Wichtigste

  • Laterale Führung heißt, ohne Weisungsbefugnis zu führen – zur Seite, nach oben und gegenüber Kunden – und stützt sich auf Verständigung, Macht und Vertrauen statt auf Anweisung.
  • In Beratungen und Projekten ist sie der Normalfall: Senior Consultants führen ihren Workstream ohne formale Befugnis, und Projektleitungen sind auf Fachbereiche, Kunden und Ranghöhere angewiesen, denen sie keine Weisungen geben können.
  • Für laterale Führung arbeiten wir mit vier Bausteinen: Klarheit über Auftrag, Rahmen und Rollen, Sichtbarkeit von Konflikten, ein Angebot statt einer offenen Frage und Verbindlichkeit bei Vereinbarungen.
  • Sechs Situationen kehren in Beratungs- und Veränderungsprojekten immer wieder, von mehreren Projektleitungen, die gleichzeitig an einer Person ziehen, bis zum Programmbüro ohne Linienbefugnis – für jede gibt es ein konkretes Werkzeug.
  • Mikropolitik ist keine Entgleisung, sondern Arbeitsbedingung: Wer Interessen und Abhängigkeiten kennt, kann sie offen ansprechen, statt von ihnen überrascht zu werden.
  • Laterale Führung ist erlernbar, entsteht aber selten nebenbei; sie wächst, wenn sie an echten Situationen geübt und im Projektalltag angewendet wird.

Was laterale Führung ist – und was sie von disziplinarischer Führung unterscheidet

Laterale Führung heißt, Menschen zu führen, die Ihnen nicht unterstellt sind: Kolleginnen und Kollegen auf derselben Ebene, andere Bereiche, Ranghöhere, Kunden. „Lateral“ bedeutet seitlich, gemeint ist aber jede Richtung, in der die Hierarchie nicht trägt. Der Organisationssoziologe Stefan Kühl versteht sie als Antwort auf eine zunehmend häufige Lage: Aufgaben lassen sich nicht oder nur eingeschränkt über die Hierarchie steuern, und Zusammenarbeit muss trotzdem entstehen (Kühl 2017). Das betrifft auch Projektleitungen: Ihr Team steuern sie fachlich, über Beurteilung und Gehalt entscheiden andere, und gegenüber Kunden und Fachbereichen haben sie keine Weisungsbefugnis.

Definition

Laterale Führung Einflussnahme auf Menschen und Bereiche, über die man keine Weisungsbefugnis hat – zur Seite, nach oben oder gegenüber Kunden. Sie wirkt nicht über Anweisung, sondern über drei Mechanismen: Verständigung, Macht und Vertrauen (Kühl, Schnelle und Tillmann 2005). Sie spielt sich im Schatten der formalen Struktur ab und ergänzt die Hierarchie, statt sie zu ersetzen (Kühl 2017).

Drei Formen von Führung im Vergleich (vereinfacht; in Projekten überlagern sie sich oft).
MerkmalDisziplinarische FührungFachliche FührungLaterale Führung
GrundlagePersonalverantwortung in der LinieZuständigkeit für ein Fachgebiet oder ProjektKeine formale Befugnis gegenüber den Geführten
Entscheidet überEinstellung, Beurteilung, Entwicklung, VergütungAufgaben, Methoden, Qualität, PrioritätenNichts allein; Ergebnisse entstehen als Vereinbarung
HebelWeisung, Beurteilung, RessourcenFachautorität, Freigaben, StandardsVerständigung, Macht, Vertrauen
Typische RollenTeamleitung, BereichsleitungFachverantwortliche, Projektleitung mit fachlichem WeisungsrechtSenior Consultant, Projektleitung im Matrixteam, Programmbüro
Typisches RisikoGehorsam ohne ÜberzeugungDetailsteuerung ohne Rückhalt der LinieAbstimmung ohne Ende und ohne Entscheidung
GrenzeReicht so weit wie die eigene LinieReicht so weit wie das eigene Fachgebiet oder ProjektLöst keine Zielkonflikte der Linie; die gehören mit Optionen nach oben

Warum laterale Führung in Projekten der Normalfall ist

In Beratungen ist laterale Führung kein Sonderfall, sondern Alltag. Senior Consultants führen Analystinnen und Analysten ohne formale Weisungsbefugnis, und Projektleitungen sind auf Kunden und Fachbereiche angewiesen, die ihnen nicht unterstellt sind. In Matrixorganisationen ist es ähnlich, in bereichsübergreifenden Vorhaben erst recht: Wer KI im Unternehmen einführt, braucht IT, Fachbereiche und Datenschutz, die an andere berichten. Wer eine Strategie entwickelt, muss Bereichsleitungen gewinnen, die gleichrangig oder höher stehen. Die Linie regelt Zuständigkeiten, aber ob ein Vorhaben vorankommt, entscheidet sich zwischen den Linien.

Die vier Bausteine: Klarheit, Sichtbarkeit, Angebot, Verbindlichkeit

Laterale Führung ist kein Charisma, sondern Handwerk, und wir beschreiben es als vier Bausteine, die aufeinander aufbauen. Klarheit über Auftrag und Rollen ist die Voraussetzung dafür, dass Konflikte überhaupt sichtbar werden. Sichtbarkeit ohne Angebot wird zur Beschwerde, und ein Angebot ohne Verbindlichkeit bleibt ein freundliches Gespräch ohne Folgen. Ein Angebot ist eine Empfehlung, die zeigt, was das Gegenüber davon hat. Dabei hilft das Tauschmodell von Cohen und Bradford: Einfluss ohne Weisungsbefugnis entsteht, wenn Sie etwas bieten, das die andere Seite schätzt. Im Projekt kann das Entlastung sein, eine Information oder Sichtbarkeit beim Auftraggeber.

Die vier Bausteine lateraler Führung (LEADBeyond-Praxisempfehlung, kein Messinstrument).
BausteinWas Sie tunWoran man es merkt
KlarheitAuftrag, Rahmen und Rollen klären, bevor die Arbeit beginnt: Ergebnis, Termin, Empfänger, Flughöhe (Detailgrad) und die Entscheidung, die das Ergebnis vorbereitetAlle Beteiligten beschreiben Ziel und Termin gleich; Rückfragen kommen am Anfang, nicht kurz vor der Abgabe
SichtbarkeitZielkonflikte, Engpässe und Risiken benennen, solange es noch Optionen gibt, statt sie still auszugleichenKonflikte landen bei der Person, die entscheiden kann, statt als Wochenendarbeit beim Team
AngebotMit einer Empfehlung kommen: Lage, Optionen, Empfehlung, Bitte um Entscheidung; dazu klären, was die andere Seite davon hatEntscheidungen fallen öfter im ersten Gespräch statt nach mehreren Schleifen
VerbindlichkeitVereinbarungen festhalten – wer, was, bis wann – und nachhalten, auch wenn niemand danach fragtZusagen werden eingehalten oder rechtzeitig neu verhandelt; niemand muss raten, was beschlossen wurde

Sechs typische Situationen – und was in jeder hilft

1. Mehrere Projektleitungen ziehen gleichzeitig an Ihnen

  • Lage. Sie arbeiten auf mehreren Projekten, und jede Projektleitung sieht nur ihren Ausschnitt Ihrer Woche; die Überlast entsteht dazwischen und bleibt oft still. In Unternehmen erleben das viele, die in der Matrix zugleich für Linie und Projekte arbeiten.
  • Werkzeug. Klären Sie jeden Auftrag mit fünf Fragen: Welches Ergebnis, bis wann, für wen, in welcher Flughöhe (Skizze, prüfreif, kundenfertig) und für welche Entscheidung? Vereinbaren Sie mit jeder Projektleitung, was Sie selbst entscheiden, was Sie abstimmen und wann Sie früh eskalieren. Kollidieren Prioritäten, hilft ein Priorisierungsgespräch, das die vier Bausteine im Kleinen abbildet: Transparenz schaffen, Konflikt benennen, Vorschlag machen, Entscheidung festhalten.
  • Merksatz. „Konflikte sichtbar machen – nicht still am Wochenende lösen.“

2. Einen Workstream ohne disziplinarische Befugnis steuern

  • Lage. Als Senior Consultant verantworten Sie einen Workstream, also einen Arbeitsstrang des Projekts, und führen Analystinnen und Analysten, über deren Beurteilung Sie nicht entscheiden. Ihr Hebel ist die Qualität Ihrer Aufträge, nicht Ihr Titel. Teilprojektleitungen in Unternehmen stehen vor derselben Aufgabe.
  • Werkzeug. Zerlegen Sie den Workstream in prüfbare Arbeitspakete, und machen Sie mit einem Plan für die nächsten 48 Stunden sichtbar, wer auf wen wartet. Übergeben Sie Aufgaben mit einem kurzen schriftlichen Auftrag zu Ergebnis, Termin und Qualitätslatte. Im Review kommentieren Sie, statt die Arbeit zurückzunehmen, und Ihr Feedback folgt einem festen Rahmen: Beobachtung, Wirkung, Empfehlung, Dialog.

3. Als neue Projektleitung ehemalige Peers führen

  • Lage. Gestern waren Sie Kollegin oder Kollege, heute verteilen Sie Arbeit an dieselben Menschen. Wer den Wechsel nicht anspricht, wird oft zu vorsichtig oder zu laut.
  • Werkzeug. Sprechen Sie den Rollenwechsel offen an, im Team und unter vier Augen. Starten Sie mit einem strukturierten Kick-off und einer Team Charter, also einer kurzen Vereinbarung zu Zielen, Rollen und Spielregeln, die das Team selbst ausfüllt und regelmäßig prüft. Wählen Sie Ihren Führungsstil nach Situation, Risiko, Erfahrung und Zeitdruck statt nach Gewohnheit. So fällt es leichter, Autorität zu zeigen, ohne künstlich dominant zu wirken.
  • Merksatz. „Klarheit von Tag 1 verhindert spätere Reibungsverluste.“

4. Eine Position gegenüber Ranghöheren halten

  • Lage. Der Partner, die Bereichsleiterin oder die Auftraggeberin würde es anders machen, und Sie halten Ihren Ansatz für besser: Schweigen kostet Qualität, offener Widerspruch kostet Beziehung.
  • Werkzeug. Kommen Sie mit einer Empfehlung und Optionen statt mit einer Frage oder einem bloßen Einwand, kurz und schlüssig aufgebaut für die Person, die entscheidet. Wie das klingt, zeigt der Abschnitt „Position beziehen“ weiter unten.

5. Beim Kunden zwischen Dienstleister und Experte

  • Lage. Der Kunde bezahlt Sie und erwartet Leistung, zugleich sollen Sie widersprechen, wenn die Fakten es verlangen – und im Interview oder Workshop haben Sie keinerlei Weisungsbefugnis. Interne Dienstleister wie IT oder Controlling erleben dasselbe gegenüber Fachbereichen.
  • Werkzeug. Führen Sie Gespräche in drei Phasen: vorher Hypothese und Datenbedarf klären, währenddessen präzise fragen und Unsicherheit festhalten, danach Ergebnisse, offene Punkte und Verantwortliche schriftlich bestätigen. Auf kritische Fragen antworten Sie in fester Folge: Antwort, Evidenz, Konsequenz und was noch offen ist.
  • Merksätze. „Frust ist Information, keine Anweisung.“ Und wenn zu viele Menschen im Raum sind: „Struktur ist Respekt.“

6. Ein Programmbüro ohne Linienbefugnis

  • Lage. Ein Programmbüro soll den Fortschritt eines Veränderungsprogramms steuern, hat aber keine Befugnis gegenüber den Linienteams, denn die Autorität liegt beim Sponsor im Management.
  • Werkzeug. Leihen Sie sich Autorität: Der Sponsor setzt die Spielregeln und sitzt in den Runden, in denen entschieden wird. Legen Sie die Steuerung ins Meeting-Design: Besprochen werden die kritischen Ergebnisse und die Abweichungen, nicht jeder Status. Wer im Verzug ist, erklärt selbst, warum, was er dagegen tut, wie sicher das ist und welche Hilfe er braucht.

Mikropolitik: Interessen, Macht und Vertrauen ohne Hierarchie

Wer ohne Weisungsbefugnis führt, arbeitet mitten in der Mikropolitik, dem alltäglichen Aufbau und Einsatz von Macht in Organisationen (vgl. Neuberger 1995). Das ist keine Intrige, sondern Arbeitsbedingung. Wie man darin ohne Hierarchie führt, beschreibt Stefan Kühl (2017) mit den drei Säulen des lateralen Führens. Verständigung schafft ein gemeinsames Bild der Lage. Macht entsteht nach Crozier und Friedberg dort, wo jemand eine Unsicherheitszone kontrolliert, auf die andere angewiesen sind, etwa durch Fachwissen. Vertrauen erlaubt Zusammenarbeit ohne ständige Absicherung. Klären Sie deshalb vor jedem wichtigen Gespräch drei Fragen: Wer entscheidet? Wer gewinnt oder verliert? Was bräuchte die andere Seite, um zuzustimmen?

Position beziehen gegenüber Ranghöheren und Auftraggebern

Gegenüber Ranghöheren liegt eine Falle nahe: die offene Frage. „Wie sollen wir vorgehen?“ wirkt respektvoll, schiebt aber die Denkarbeit nach oben und lässt Ihre eigene Einschätzung unsichtbar. Wirksamer ist eine Empfehlung in vier Schritten: Lage, Optionen, Empfehlung, Bitte um Entscheidung. Ein Merksatz aus unseren Trainings lautet sinngemäß: „Kommen Sie mit einer Empfehlung – nicht nur mit einer Frage.“ Das macht der anderen Seite die Entscheidung leicht, spart Schleifen und zeigt, dass Sie Verantwortung übernehmen. Ihre Empfehlung darf abgelehnt werden, geführt haben Sie trotzdem, weil die Entscheidung auf dem Tisch lag.

Was laterale Führung mit Delegation und Druck zu tun hat

In Beratungen überschneiden sich laterale Führung und Delegation: Wer einen Workstream führt, delegiert an Menschen, die ihm nicht unterstellt sind. Warum gerade fähige Senior Consultants dabei Arbeit zurückholen, statt sie abzugeben, beschreibt der Artikel „Warum Senior Consultants nicht delegieren“. Der zweite Zusammenhang ist Druck: Vor einer wichtigen Abgabe fallen viele in alte Muster, ziehen Arbeit an sich, sagen zu viel zu oder vertagen den Konflikt. Ohne Weisungsbefugnis fängt das kein formaler Rahmen auf; was in solchen Momenten passiert, erklärt der Artikel „Führung unter Druck“. Die vier Bausteine helfen, weil sie vor der heißen Phase vereinbart werden.

Wie man laterale Führung lernt

Laterale Führung ist erlernbar, entsteht im Projektalltag aber selten von selbst. Ein guter Anfang ist die nächste anstehende Situation: mit den vier Bausteinen vorbereiten, durchführen und danach mit einer beteiligten Person besprechen. In unserer Leadership Journey ist das Thema auf zwei Stufen verankert. Für Senior Consultants gilt der Leitsatz „Führen, bevor der Titel es hergibt“, in der Projektleitung gehört „Position beziehen, auch ohne formale Autorität“ dazu. Geübt wird in unseren Trainings an echten Situationen. LEADBeyond 360° erfasst zwei Dimensionen, die nah an der lateralen Führung liegen: Kommunikation & Einfluss sowie Client & Stakeholder Leadership (Methode).

Häufige Fragen

Was bedeutet laterale Führung?

Laterale Führung bedeutet, Menschen zu führen, über die Sie keine Weisungsbefugnis haben: Kolleginnen und Kollegen, andere Bereiche, Ranghöhere oder Kunden. Statt auf Anweisung setzt sie auf Verständigung, auf Vertrauen und auf Macht, etwa durch Fachwissen, auf das andere angewiesen sind. Typisch ist sie für Projektleitungen, Matrixorganisationen und bereichsübergreifende Vorhaben.

Was ist der Unterschied zwischen lateraler und disziplinarischer Führung?

Disziplinarische Führung beruht auf Personalverantwortung: Wer sie hat, entscheidet über Einstellung, Beurteilung, Entwicklung und Vergütung. Laterale Führung hat diese Hebel nicht und wirkt stattdessen über klare Aufträge, überzeugende Empfehlungen und verlässliche Vereinbarungen. In vielen Projekten gibt es mehrere Formen nebeneinander: Die Linie beurteilt, die Projektleitung steuert die Arbeit, und gegenüber Fachbereichen, Kunden und Ranghöheren führt sie lateral.

Wie führe ich ohne Weisungsbefugnis?

Wir empfehlen vier Bausteine: Klären Sie Auftrag, Rahmen und Rollen, bevor die Arbeit beginnt. Machen Sie Konflikte sichtbar, solange es noch Optionen gibt. Kommen Sie mit einer Empfehlung statt mit einer offenen Frage. Und halten Sie Vereinbarungen fest und nach. Führen ohne disziplinarische Verantwortung gelingt leichter, wenn die anderen erkennen, was sie davon haben.

Wie gehe ich mit Widerstand um, wenn ich keine Weisungsbefugnis habe?

Behandeln Sie Widerstand als Information, denn oft steht dahinter ein Interesse, eine Sorge oder ein Zielkonflikt, den Sie noch nicht kennen. Fragen Sie nach, bevor Sie argumentieren, und benennen Sie den Konflikt offen. Bleibt er bestehen, gehört er zu der Person, die entscheiden kann, mit Optionen und Ihrer Empfehlung. Unser Merksatz dazu: „Frust ist Information, keine Anweisung.“

Was ist Mikropolitik?

Mikropolitik bezeichnet den alltäglichen Aufbau und Einsatz von Macht in Organisationen; so umschreibt es Oswald Neuberger (1995). Gemeint sind Verhandlungen, Bündnisse und Tauschgeschäfte jenseits des Organigramms. Für laterale Führung ist sie keine Störung, sondern das Feld, auf dem sie stattfindet. Wer Interessen und Abhängigkeiten kennt, kann sie offen ansprechen.

Welche Rolle spielt Vertrauen in der lateralen Führung?

Vertrauen ist neben Verständigung und Macht einer der drei Mechanismen, die Stefan Kühl für laterales Führen beschreibt. Es erlaubt, ohne ständige Absicherung zusammenzuarbeiten, und wächst mit jeder eingehaltenen Zusage. Ein Merksatz aus unseren Trainings lautet sinngemäß: „Sagen Sie, was Sie tun, und halten Sie, was Sie zusagen.“ Eine verlässlich gelieferte Kleinigkeit trägt dabei oft weiter als ein großes Versprechen.

Kann man ohne Macht führen?

Ohne formale Macht ja, ohne jede Macht kaum. Nach Crozier und Friedberg hat Macht, wer eine Unsicherheitszone kontrolliert, auf die andere angewiesen sind, etwa durch Fachwissen. Auch ohne Titel haben Sie oft etwas, das andere brauchen: Wissen, Kontakte, eine belastbare Analyse. Laterale Führung heißt, diese Ressourcen offen und fair einzusetzen, nicht, auf sie zu verzichten.

Lohnt sich ein Seminar zur lateralen Führung?

Ja, wenn es an Ihren eigenen Situationen arbeitet und über den Seminartag hinausreicht. Nach unserer Erfahrung verändert ein Modell allein im Alltag wenig; es braucht Übung, Feedback und Anwendung im Projekt. Wenig bringt ein Seminar, wenn das Problem in der Struktur liegt, etwa bei widersprüchlichen Zielen oder fehlendem Sponsor. Fragen Sie vorab, woran geübt wird und wie der Transfer gesichert ist. In unseren Trainings begleiten drei Säulen – Lead Self, Lead Others, Lead Change – vier Karrierestufen vom Analysten bis zur Partnerebene.

Quellen

  1. Kühl, S., Schnelle, T., & Tillmann, F.-J. (2005). Lateral leadership: An organizational approach to change. Journal of Change Management, 5(2), 177–189., Routledge (Taylor & Francis) (2005). Fachaufsatz, der laterale Führung als organisationstheoretischen Zugang zu Veränderung beschreibt; hier nur für den Begriff und die drei Mechanismen Verständigung, Macht und Vertrauen zitiert. Keine Statistiken.
  2. Kühl, S. (2017). Laterales Führen: Eine kurze organisationstheoretisch informierte Handreichung. Springer VS., Springer VS (2017). Quelle für die Beobachtung, dass es immer mehr Anlässe gibt, die nicht oder nur eingeschränkt über hierarchische Weisungsbefugnisse geregelt werden können, für die drei Einflussmechanismen Macht, Verständigung und Vertrauen („die drei Säulen des Lateralen Führens“) und für den Gedanken, dass laterales Führen im Schatten der Formalstruktur wirkt; keine Statistiken. Das E-Book erschien im Juli 2016 mit dem Copyright-Jahr 2017.
  3. Cohen, A. R., & Bradford, D. L. (2017). Influence without authority (3rd ed.). John Wiley & Sons., John Wiley & Sons (2017). Nur als Quelle des Tauschmodells (Exchange Model) zitiert: Einfluss ohne Weisungsbefugnis entsteht, wenn man etwas bietet, das die andere Seite schätzt. Keine Statistiken.
  4. Neuberger, O. (1995). Mikropolitik: Der alltägliche Aufbau und Einsatz von Macht in Organisationen (Basistexte Personalwesen, Bd. 7). Enke., Enke (1995). Nur für die Umschreibung von Mikropolitik im Text zitiert; sie folgt dem Untertitel dieses Buchs. Die zweite, völlig neu bearbeitete Auflage erschien 2006 bei Lucius & Lucius unter dem Titel „Mikropolitik und Moral in Organisationen“ (UTB 2743). Keine Statistiken.
  5. Crozier, M., & Friedberg, E. (1979). Macht und Organisation: Die Zwänge kollektiven Handelns. Athenäum. (Originalwerk veröffentlicht 1977: L’acteur et le système), Athenäum (1979). Nur für den Gedanken zitiert, dass Macht in Organisationen aus der Kontrolle von Unsicherheitszonen entsteht, auf die andere angewiesen sind. Keine Statistiken.

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